Ein Thementag mit interdisziplinärem Charakter

Der Heimattag widmet sich jeweils einem zeitbezogenen Thema.  So können Fragen zum Natur- und Umweltschutz sowie zur Heimat-, Orts-, Sozial-, Rechts-, Wirtschafts-, Technik- und Baugeschichte beleuchtet und in direkten Zusammenhang gestellt werden.

Der Heimattag findet einmal jährlich im Herbst statt. Er steht unter der Schirmherrschaft des sächsischen Landtagspräsidenten Matthias Rößler.

 

Bericht vom 8. Sächsischer Heimattag – Heimat aktiv! «Alltagskultur im ländlichen Raum Sachsens um 1840»

Es spricht Prof. Dr. Hans-Jürgen Hardtke, Vorsitzender des Landesvereins zum 8. Sächsischen HeimattagAm 7. Oktober 2017 in Freiberg Der diesjährige Heimattag im Brauhof Freiberg widmete sich einem wichtigen Zeitausschnitt der deutschen und sächsischen Geschichte, nämlich dem «Aufbruch und der Stagnation im Vormärz», wie der weiterführende Titel des Veranstaltungsthemas lautete. Konzentriert auf wenige Jahre des 19. Jahrhunderts, auf die 1840er Jahre, sollte die Tagung Informationen und Anregungen geben, sich mit dieser Epoche zu beschäftigen und die Bedeutung dieser Jahre auch für die heutige Zeit zu erkennen.
 
In diesem Sinne führte Dr. Hans- Joachim Jäger die Teilnehmer in die Tagung ein. Er stellte den Vormärz in den geschichtlichen Zusammenhang der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ausgehend von den Befreiungskriegen und der Restauration. Dr. Jäger verlas das Grußwort des Schirmherrn des Heimattags, dem Präsidenten des Sächsischen Landtags, Dr. Matthias Rößler, der zunächst dafür dankte, dass seine Rede «Heimat in Sachsen» bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung in Cunewalde auf große Resonanz gestoßen war und in den Mitteilungen des Landesvereins im Heft 2/2017 gedruckt erschien. Dr. Rößler wies sowohl auf die Notwendigkeit, die Quellen und Zeugnisse auch des Vormärz neu zu befragen, als auch auf die Veränderung der Arbeits und Lebensbedingungen in jener Zeit hin, was auch heute wieder aktuell ist. Das Recht jedes Menschen auf ein menschenwürdiges Leben, auf Arbeit, auf angemessenen Wohnraum und Lebensunterhalt, auf soziale Sicherung und auf Bildung sind heute die Ziele der demokratischen Gesellschaft.
 
Dr. Thomas Westphalen übernahm die Leitung der ersten Sektion, die mit dem Referat von Dr. Matthias Donath zu «Sachsens Dörfer um 1840» begann. Dr. Donath ging besonders vertieft auf die rechtlichen Grundlagen ein, die die folgenden Jahrzehnte mit ihren Auswirkungen prägen sollten. Zu nennen sind hier die Verabschiedung der Verfassung, die Ablösung der Dienstverpflichtungen, so zum Beispiel die Abschaffung des Gesindezwangsdienstes sowie des Flurzwanges und der Patrimonialgerichtsbarkeit. Die Folgen dieser Reformen sind nicht zu unterschätzen; von ihnen ging eine größere Selbständigkeit und Verantwortung für viele Menschen aus. Dr. Donath benannte das Verhältnis der Landbevölkerung zu den Rittergutsbesitzern, denen mit diesen Reformen eine Vielzahl von Arbeitskräften nicht mehr zur Verfügung stand. Mechanisierung, aber vor allem Indienstnahme von Landarbeitern waren die Folge, was jedoch nicht selten die Einkünfte der Güter überstiegen. So erhielten um 1840/50 viele Rittergüter bürgerliche Besitzer. Die neuen Verkehrswege machten die Verwendung von anderen Baumaterialien möglich; die Ziegel hielten großflächig Einzug, die Dorfbilder veränderten sich. Auch die Veränderung der Viehbestände und der Nahrungskultur der Menschen wurde von Dr. Donath angesprochen.
 
Den Aspekt der Bildung übernahm der nächste Referent, Dr. Jens Schulze- Forster. Anhand des Wirkens von Karl Benjamin Preusker charakterisierte der Referent dessen Bemühungen um Volksbildung, die sich in der Schaffung der ersten Volksbücherei zeigten, aber auch in der Sonntagsschule, die ein besonders großer Erfolg wurde. In der Diskussion wurde erörtert, inwieweit die Erfolge wirklich zu messen seien. Auch die Auswanderung nach Amerika aus Sachsen wurde thematisiert.
 
Roland Pfirschke stellte anschließend die reichhaltigen Quellen im Sächsischen Staatsarchiv zu den Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vor. Bemerkenswert war unter anderem, dass im 14. und 15. Jahrhundert viele Herren auf Frondienste verzichteten, die dann später erst wieder in Anspruch genommen wurden. Dabei müsse der Forscher die unterschiedlichen Bedingungen bei den Ablösungen zwischen den Erblanden und der Oberlausitz berücksichtigen. In der Oberlausitz blieb auch der nächste Vortrag inhaltlich angesiedelt, in dem Sven Brajer über den Alltag und die Lebenswelt der vorindustriellen (Heim-)Weber sprach. Den Rahmen bildete der Strukturwandel in der Zeit des Vormärz, der in Teilen der Oberlausitz zur Entstehung mehrere tausend Einwohner umfassender Dörfer führte, die später Industriedörfer genannt wurden. Die Verarmung und das Elend der Weber sind fast sprichwörtlich geworden. In der Diskussion wurde auf diesen Punkt eingegangen, ob dies nicht auch eine andere Seite habe. Wenn so viele in der Weberei arbeiteten, müssten diese auch anziehende Arbeitsstätten gewesen sein. Rudolf Schröder wies in der Aussprache auf den Wandel der Kulturlandschaft hin; die Leinenproduktion verlangte große Flächen, die vorher anders genutzt wurden.
 
Der nächste Vortrag – die Tagungsleitung hatte Dr. Jäger übernommen – blieb bei der Landwirtschaft im weiteren Sinn, bei den Bauerngärten, über die Professor Dr. Hans-Jürgen Hardtke referierte. Bauerngärten, so wie wir sie heute verstehen, sind eine erst relativ junge Gattung des Gartens. Bisher liegt erst wenig Literatur zu diesem Thema, auf Sachsen bezogen, vor. Die beiden ältesten Bestandteile, Obst- und Kräutergarten, sind schon auf Karl den Großen zurückzuführen; der Blumengarten trat erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts hinzu. Hardtke stellte die wichtigsten Gewächse der Bauerngärten und ihre vielseitige Verwendung vor.
 
8. Sächsischer Heimattag, Veranstaltungssaal im Brauhof FreibergEs spricht René Misterek, Leiter des Stadtmuseums Pirna zum 8. Sächsischen Heimattag in Freiberg
 
Im nächsten Vortrag wurde von René Misterek die Leistung sächsischer Buchbinder für die Bildung vorgestellt. Vor allem in den bekannten Volkskalendern mit Ratschlägen, belehrenden und erbaulichen Geschichten zeigt sich, was der Landmann und einfache Bürger las. Als die Redaktion der Kalender aufgrund staatlicher Forderungen an akademisch gebildete Bürger übergeben werden musste, war damit eine Professionalisierung der Kalenderarbeit verbunden. Dem Einfluss des Vogtländischen landwirtschaftlichen Vereins auf die Landwirtschaft widmete sich Ina Skerswetat. Sie verdeutlichte, wie sich die Nahrungsmittelgewohnheiten änderten, der Konsum, neue landwirtschaftliche Geräte und neue Nutzvieharten im Vogtland Einzug hielten und wie dies der Vogtländische landwirtschaftliche Verein wie auch andere ökonomische Vereine in Sachsen be- und antrieben. Die Vereine waren wichtige Katalysatoren, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Erhöhung und Verbesse-rung der landwirtschaftlichen Produkte an den Landmann brachten. Auch die Weltausstellung von 1851 führte zu einem deutlichen Auftrieb der Mechanisierung in der Landwirtschaft.
 
Der letzte Vortrag, den die Niederschönaer Ortschronistin Christine Zimmermann hielt, war der praktische Anschluss an den ersten Vortrag von Matthias Donath. Zimmermann zeigte anhand der Geschichte ihrer Gemeinde, wie sich die politischen Reformen der 1830er Jahre im Dorf Niederschöna auswirkten. Auch in diesem Referat spielte die Veränderung der Nahrungsmittelgewohnheiten eine Rolle: 1844 öffnete die erste Bäckerei in Niederschöna und markierte für die Gemeinde den Beginn dessen, was für uns heute alltäglich ist: nicht mehr das Brotbacken zuhause, sondern das Einkaufen der Backwaren in der Bäckerei – oder inzwischen im Supermarkt.
 
Daran schloss die Zusammenfassung der Tagung durch Dr. Konstantin Hermann an, der zunächst auf die Nahrungsmittelrevolution des 19. Jahrhunderts einging und charakterisierte, wie viele der heute selbstverständlichen Gewohnheiten, ebenso die industrielle Lebensmittelproduktion, ihren Ausgang im 19. Jahrhundert nahm. Die Kartoffel setzte sich durch, Säfte wurden in großer Menge getrunken, der Konsum vor allem von Schweinefleisch stieg stetig an. Wichtig, so Hermann, sei das Lösen und Hinterfragen von tradierten Vorstellungen und Urteilen, wie es sich auch in der Diskussion um die Stellung der Weber ausdrückte. Auch müsse man die Auswirkungen der politischen Reformen, die zu mehr Eigenverantwortung und Freiheit führten, unter dem Aspekt des Selbstverständnisses der Menschen damals sehen. Die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen, die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit und anderes mehr haben zumindest bei einigen zu einem größeren Selbstverständnis geführt. Dies sei auch der entscheidende Punkt, bei dem die Heimatforschung die Wissenschaft unterstützen könne. Die Einschätzung der Auswirkungen auf die Menschen kann vor allem durch Ego-Dokumente geklärt werden, die aufgefunden und ausgewertet werden müssten. Auch hierin zeige sich wieder das wichtige Miteinander von Wissenschaft und Ortschronistik. Die Frage, wie die Menschen mit diesen Veränderungen in der damaligen Zeit umgegangen sind, wie sie lernten und wie sie empfanden, sei die wichtigste, die an alle Aussagen des heutigen Tages zu richten sei.
 
Dr. Jäger schloss den Heimattag einige Minuten nach 17 Uhr, dankte den Referenten und Zuhörern und lud zum nächsten Heimattag am 6. Oktober 2018 ein. Die interessanten Vorträge und wichtigen Fachdiskussionen hatten deutlich den Zeitplan überschreiten lassen. Auch dem Brauhof Freiberg sei für die Gastfreundschaft gedankt, ebenso den Vorbereitenden des Heimattags und nicht zuletzt auch den Vereinsmitgliedern, die am Buchtisch Publikationen verkauften.
Konstantin Hermann (Text und Grafiken aus Mitteilungen 3/2017 des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz)
 

Bisherige Heimattage

> Bericht 5. Heimattag: Kriegsausbruch 1914

Dr. Hans-Joachim JägerUte Steckel spricht über das Thema „Der Verlust dreier Dörfer in der Königsbrücker Heide

Am Sonnabend, den 11. Oktober 2014 trafen sich knapp 60 Heimatfreunde im Freiberger Brauhof. Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Thema „Der Kriegsausbruch – Sachsens Bilanz bis zum Jahr 1914“. Hierzu hatten die Organisatoren des Landesvereins rund um Dr. Hans-Joachim Jäger mehrere Referenten gewinnen können, die verschiedene Aspekte der sächsischen Geschichte besprachen. Dabei wurde der zeitliche Bogen von 1866 mit der Schlacht von Königgrätz bis zur Sommerkrise von 1914 geschlagen. Geographisch bewegten sich die Beiträge in den verschiedenen Regionen Sachsens, von der Oberlausitz bis ins Vogtland, von Leipzig über Chemnitz bis nach Dresden, und unternahmen dabei auch „Ausflüge“ bis nach China. Die neun Referate bildeten einen nicht vollständigen Spiegel der damaligen Zeit, egal ob Militär in der Kinderstube, kriegerische Stimmungen in der Schule, gesellschaftspolitische Entwicklungen, Gründerjahre und Gründerkrach, Begründung des Roten Kreuzes, die Anfänge des Landesvereins, vaterländische Vereine und Fest oder der Verlust von Heimat wegen der Räumung des Dorfes.
> Bericht 4. Heimattag: Erneuerbare Energieträger und Kulturlandschaft
Der 4. Sächsische Heimattag „Heimat–aktiv“: Erneuerbare Energieträger und Kulturlandschaft
 
Brauhaus in Freiberg - EingangsbereichAm 12. Oktober fand zum vierten Mal der Sächsische Heimattag in Freiberg statt, der damit schon zur Tradition geworden ist. Viele „Stammgäste“, die jedes Jahr zum Heimattag kommen, konnten begrüßt werden. Das Programm bot eine Vielzahl von Vorträgen und Diskussionen. Konzipiert hatte die Tagung die AG Denkmalpflege, besonders durch deren Vorsitzenden, Dr. Hans-Joachim Jäger.
Dr. Gerhart Pasch begrüßte die Teilnehmer. Der Vorsitzende des Landesvereins, Professor Hans-Jürgen Hardtke, vertrat bis Mittag noch auf der Kuratoriumssitzung des Tages der Sachsen unseren Verein. Gerhart Pasch erläuterte die Intention des Landesvereins, sich in diesem Jahr dem hochaktuellen Thema Energie zu widmen, das unsere Arbeit erheblich beeinflusst.
Die Schirmherrschaft hatte, wie in allen Jahren zuvor der Landtagspräsident, Dr. Matthias Rößler, übernommen, der in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Energieträger für die sächsische Kulturlandschaft einging. Gerade Sachsen verfügt über eine sehr reiche und abwechslungsreiche Kulturlandschaft, die durch Wälder, Landwirtschaft, Bergbau, aber auch durch Kriege und die Zeit der Diktaturen geprägt ist. Der Landtagspräsident ging auf den Begriff der Nachhaltigkeit ein, der auch für die Ausbildung der Kulturlandschaft von Bedeutung ist. Die Erhaltung und Entwicklung des Landschaftsbildes sind Ziele und Verdienste des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Schon den Gründungsvätern sei bewusst gewesen, dass die Technisierung nicht verhindern werden kann und dies auch niemand wollte, denn wer wolle wie 1870 leben? Matthias Rößler dankte dem Landesverein für die seit vielen Jahren gute Zusammenarbeit und wünschte alles Gute für die Zukunft.
Den Einleitungsbeitrag hielt Professor Karl Mannsfeld zum Thema "Neue Formen zur Energiegewinnung und der Wandel des Landschaftsbildes". Der Referent beschrieb die durch heutige Energieträger herbeigeführte Umgestaltung der Landschaft und Ortsbilder und ging vor allem auf die Toleranzgrenzen von Windkraft- und Solaranlagen, Monokulturen für Biogas oder Biosprit und andere mit all ihren Folgen ein, auch für den Naturschutz und den Menschen. Kulturlandschaft muss nicht "schön" oder "ästhetisch" sein, um erhalten zu werden, wenn sie landschaftsprägend oder ein beispielhaftes Zeugnis vergangener Epochen ist. Karl Mannsfeld stellte die Privilegierung der Windkraftanlagen dar und beschrieb deren Integration in den Landesentwicklungsplan. Die technische Überformung einzelner Landschaften dürfe jedoch nicht zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität von Einwohnern und Touristen gehen. Die Kulturlandschaft ist ein wichtiger Träger der Identifizierung der Menschen mit ihrer Heimat und kann nur gemeinsam mit ihnen entwickelt werden. Er stellte das "Identifikationsmerkmal Heimat" in den Kontext der Tagung; gerade Ortschronisten und Heimatforscher sind wichtige Multiplikatoren dieses Gedankens.
Dr. Jens Uhlig, Geschäftsführer des Regionalen Planungsverbands Südsachsen, ging auf "Regionale (Wind)Energiekonzepte und aktuelle Rechtsprechung" ein, ein Thema, was zahlreiche Menschen in unserem Land bewegt, wie auch die spätere Diskussion bewies. Wir müssen uns der Größe der Veränderung des Landschaftsbildes heute bewusst werden, die letztmals zur Zeit der Industrialisierung so bedeutend war. Er führte in die grundlegenden (Rechts- und Planungs-)Fragen der Windkraftnutzung ein. "Tabuzonen" – dieser Begriff fiel mehrmals im Vortrag, der die Gebiete definiert, die nicht für die Windkraftnutzung vorgesehen sind. Dabei verdeutlichte er anhand von Karten und Zahlen, welcher Raum überhaupt dafür zur Verfügung steht und wie die ehrgeizigen energiepolitischen Maßnahmen unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt zu verwirklichen sind. Immerhin kann heute vor einem Abriss historischer Gebäude geprüft werden, ob sie nicht noch als Träger für Solaranlagen geeignet sind und damit erhalten werden können. Bei allem dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung das Entscheidende sind.
Der nächste Beitrag von Professor Wilfried Wehner schloss sich inhaltlich an die vorigen an und benannte das wichtige Thema "Dorfentwicklung im Zuge erneuerbarer Energiequellen". Der Referent verfasst für den Landesverein zahlreiche Stellungnahmen und ist Autor vieler Beiträge in unseren Heften zu Fragen des Naturschutzes und der Umweltverträglichkeit von Baumaßnahmen wie beim Straßenbau und ähnlichem. Vor allem Windkraft, Solarenergie und Biomasseanbau sind heute die dominierenden Träger der Energiewende mit prägendem Einfluss auf unser Landschafts- und Ortsbild. Nicht zu vergessen ist hierbei die erforderliche Infrastruktur wie übergroße Hochspannungsleitungen oder Trassenbau (OPAL), die ebenfalls, zumindest temporär, das Landschaftsbild beeinflussen oder auch stark verändern. Wehner thematisierte die Umfrage zur Akzeptanz der Windkraft, wonach 79% der Bevölkerung diese befürworten. Über diese hohe Zahl ist man zunächst verwundert; setzt man jedoch die Zahl der in Städten wohnenden und von Windkraftanlagen nicht betroffenen und die generellen Befürworter dazu ins Verhältnis, erstaunt diese Zahl nicht.
Welche Chancen die neuen Energieträger für die Archäologie bieten, zeigte Dr. Thomas Westphalen in seinem Vortrag "Archäologische Sicherungsgrabungen beim Bau von Energieanlagen als Fenster in die Frühgeschichte unserer Heimat" auf. Durch den Bau der OPAL-Trasse wurde die Landschaft auf 30 Meter Breite quasi quergeschnitten (die verlegten Röhren messen lediglich 1,10 Meter im Durchmesser). Auf der ganzen Strecke (in Sachsen auf 100 km) wurden Ausgrabungen durchgeführt. Bisher waren von den angetroffenen Fundstellen nur vier bekannt, 13 wurden durch den Trassenbau entdeckt. Bei Clieben wurde mit über 52 Metern Länge eines der größten Langhäuser aus der Zeit der Bandkeramik (6. Jahrtausend v. Chr.) überhaupt gefunden. Jeder Heimatforscher wäre über solche Funde in der Umgebung seines Ortes dankbar, vermögen sie die oft nur aus der Literatur rezipierten Darstellungen zur Frühgeschichte der Heimat deutlich zu qualifizieren und sie zu etwas Besonderem zu machen. Ein wichtiger Aspekt bei den Grabungen an der OPAL-Trasse war die Öffentlichkeitsarbeit und Information der Bevölkerung, die dadurch auf die ergrabenen Werte aufmerksam gemacht wurde und die Ergebnisse begeistert teilte.
Diplom-Industriearchäologin Corinna Wobbe vom Landesamt für Denkmalpflege berichtete über ein Thema, das schon bei der Gründung des Landesvereins eine hohe Bedeutung hatte: "Zum Denkmalwert von Zeugnissen der Elektrizitätsversorgung im ländlichen Raum". Der Landesverein hat sich seit seiner Gründung mit der Gestaltung von Trafohäuschen und anderen Versorgungsbauten beschäftigt und vorbildliche Leitbauten kreiert. Corinna Wobbe stellte einige dieser Bauten im heutigen Zustand vor, die sich von reich gestalteten Häuschen zu einfachen turmartigen Anlagen entwickelten, aber heute inzwischen zum Ortsbild gehören. Einige von ihnen werden derzeit als Werbeträger zweckentfremdet oder verfallen. Die genaue Zahl der Trafohäuschen, die noch heute bestehen, ist nicht bekannt. Noch landschaftsprägender sind die Oberleitungen; besonders die aus der Zeit der Elektrifizierung sind durchaus als ästhetisch und landschaftsbereichernd einzustufen. Erst die Fotografien verdeutlichen die reiche Formensprache und die Abwechslung bei der Gestaltung. Die anschließende Diskussion, die allen Vorträgen des Vormittags gewidmet war, bezog sich vor allem auf die Windkraftanlagen als Teil der Energiewende und deren Folgen für das Landschaftsbild. Die Etablierung anderer Energieträger, die nicht so stark in die Kulturlandschaft eingreifen, ist deutlich aufwendiger und teurer.
Nach der Mittagspause – am Vormittag moderierte Konstantin Hermann, am Nachmittag Hans-Joachim Jäger –, die wieder Gelegenheit zu zahlreichen Gesprächen bot, sprach Hans-Jürgen Hardtke über "Biodiversität und Biomasseanbau". Beeindruckende Zahlen bildeten die Grundlage des Referats: Ein Landwirt in Deutschland versorgte nach dem Krieg zehn Menschen, heute 132 – welche Folgen dies für die soziale und agrarökonomische Struktur auf dem Land hat, können diese Zahlen leicht verdeutlichen. Auf 16% der Landwirtschaftsfläche werden Pflanzen für Bioenergie angebaut; 90% der Ackerwildkräuter sind auf den durch moderne Technik bearbeiteten Feldern verschwunden. Hardtke zeigte positive Beispiele für biologisch reiche Ackerrandstreifen und Bewirtschaftung von Äckern und Wiesen auf, die den Ackerwildkräutern genug Entfaltungsmöglichkeiten bieten, und ging auf die Risiken großflächiger Monokulturen hinsichtlich der Artenvielfalt ein.
Dr. Ekkehard-Gunter Wilhelm vom Tharandter Institut für Allgemeine Ökologie und Umweltschutz stellte eine relativ neue Form der landwirtschaftlichen Produktion vor, die "Kurzumtriebsplantagen – Beispiel für Biomassegewinnung". Die "KUP" sind Anbaugebiete schnellwachsender Monokulturen. Diese sind nicht nur negativ einzustufen, sondern können auch Schutz vor Erosion und die Erholung schadstoffbelasteter Böden bieten. Ein eigener Kriterienkatalog berücksichtigt die räumlichen Gegebenheiten vor Ort als auch Naturschutzbelange.
Wie Corinna Wobbe widmete sich Dr. Michael Streetz vom Landesamt für Denkmalpflege einem Industriemonument größter Wichtigkeit, dessen Zukunft heute leider offen ist: dem Pumpspeicherwerk Niederwartha. Das von 1927 bis 1930 errichtete Werk war eines der ersten seiner Art überhaupt. Es wurde vom Heimatschutzmitglied Professor Emil Högg entworfen und ist in seinem technischen Zustand zu einem guten Teil noch im Originalzustand. Es muss auch Anliegen des Landesvereins sein, dieses Bauwerk und wichtige Industriedenkmal zu schützen.
Der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen des Bundesverbandes Landschaftsschutz Michael Eilenberger griff nochmals das Thema des Vormittags auf und stellte die Diskussionen, die Einbindung der Bevölkerung und Probleme bei Windkraftanlagen vor. Zu berücksichtigen sind die Folgen auf die einzelne Orte: Windräder können die demographische Entwicklung der Abwanderung noch verstärken, können zu Wertverlusten bei Immobilien sorgen und auch die Möglichkeit sozialer Veränderungen in den Gemeinden selbst ist nicht auszuschließen.
Konstantin Hermann fasste die Ergebnisse der Vorträge und Diskussionen aus Sicht des Historikers für die Heimatforscher und Ortschronisten zusammen. Hans-Jürgen Hardtke beendete die Tagung mit einem kurzen Schlusswort und lud schon jetzt zum fünften Heimattag am 11. Oktober 2014 nach Freiberg ein.
 
Konstantin Hermann (Mitteilungen Heft 3/2013)
> Bericht 3. Heimattag: Industriegeschichte und -kultur
Industriegeschichte und –kultur im ländlichen Raum als integraler Bestandteil der Heimatforschung oder „Auch 2012 über den genealogischen Gartenzaun geschaut
 
Fahne des Landesvereins im Eingangsbereich des Brauhofes in FreibergDer 3. Heimattag „Heimat – aktiv“, veranstaltet vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz e. V., stand 2012 unter dem Motto „Industriekultur und Industriegeschichte im ländlichen Raum“. Damit war wieder ein spannendes Thema gefunden, um Heimatforscher und geschichtlich Interessierte, ehrenamtliche Kulturfunktionäre sowie Museologen und Historiker zusammen zu führen.
Unter Schirmherrschaft des Landtagspräsidenten Dr. Matthias Rößler, begrüßte der stellvertretende Vorsitzende des Landesvereins, Dr. Gerhart Pasch, die rund 80 Teilnehmer. Er ging in seinen Worten auf den ländlichen Raum als Wohn- und Arbeitsort für rund 50 Prozent der sächsischen Einwohner ein. Auch wies er nochmals auf den Anspruch des Landesvereines hin, den Heimattag als Weiterbildung für all die fleißigen Heimatforscher auszubauen, um Geschichtsschreibung über verschiedene Themen hinweg zu vernetzen.
Dr. Hans-Joachim Jäger übernahm die Moderation der vormittäglichen Themen, die unter dem Oberbegriff „Grundlagen der Industriekultur“ allgemeines Wissen und Einsicht in die Arbeit von Behörden und Einrichtungen bringen sollten.
 
Dr. Dirk Schaal, Leiter der Koordinierungsstelle ging in seinem Grundsatzreferat „Industriekultur und geschichte im ländlichen Raum – Begriffe und Perspektiven“ u.a. auf die Erarbeitung einer Handlungs-anweisung zur Dokumentation laufender Unternehmensgeschichte ein, die durch die Koordinierungsstelle in Arbeit ist (www.industriekultur-in-sachsen.de). Hier schloss mit praktischen Beispielen aus ihrer Arbeit Andrea Riedel, die Leiterin des Industriemuseums Chemnitz und der Initiative Sächsisches Industriemuseum ein (www.erih.net).
 
Nach einer kurzen Kaffeepause, die zum regen Gedankenaustausch der Teilnehmer genutzt wurde, überbrachte der 2. Vizepräsident des Sächsischen Landtages, Horst Wehner, die Grüße des Präsidenten. Er ging in einem kurzem Statement auf die regionalen Anziehungspunkte, Schutz des kulturellen Erbes für die nachfolgenden Generationen als gemeinsame Aufgabe der Politik und vielfältig Engagierter ein
 
Veranstaltungssaal im Brauhof in FreibergDie Grundlagen der Industriekultur und Industriegeschichte wurden weiterhin aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dr. Thomas Westphalen, Leiter des Landesamtes für Archäologie Sachsen, ging in seinen Vortrag auf die rund 270.000 Jahre währende Geschichte der Besiedlung Sachsens ein. Auch die verschiedenen Industriezweige der Geschichte fehlten in seinen Ausführungen nicht. Die Erfassung technischer Denkmale im ländlichen Raum betrachtete anschließend für die oberirdisch vorhandenen rund 7.000 technischen Denkmale, die, so Corinna Wobbe vom Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen, in den heutigen Verzeichnis beinhaltet sind. Abschließend betrachtete der Leiter des Sächsischen Hauptstaatsarchives Sachsen, Dr. Jörg  Ludwig, in seinem Ausführungen zur „Überlieferung der Wirtschaftsgeschichte im Sächsischen Staatsarchiv“, neben einer Vorstellung der Archivarbeit, die Inhalte der rund 27.000 lfd. Meter Akten- und Bildmaterial zur sächsischen Wirtschaftsgeschichte. Diese sind nach Produktforschung, Arbeitsorten, Ereignissen, Gebäuden und Werbung auswertbar.
 
In der anschließenden Mittagspause wurden bereits geschlossene Kontakte unter den Teilnehmern ausgebaut und die Zeit für eine rege Diskussion der bisherigen Referate genutzt.
 
Der Nachmittag, moderiert von Sylvia Karsch, ging auf Praxisbeispiele zum gewählten Thema ein. Eröffnet mit einem Vortrag von Anja Moschke, Quellen zur Wirtschaftsgeschichte in den Beständen des Staatsfilialarchivs Bautzen, das u. a. mit rund 5.300 Bänden Fachliteratur in der Bibliothek ausgestattet  sowie über rund 28.000 lfd. m Akten insbesondere zur Oberlausitz und dem ehemaligen Sechs-Städte-Bund verfügt, ging anschließend Christoph Bieberstein auf das Historische Kalkgewerbe im Osterzgebirge, hier vor allem um Pirna ein. Der geplante Vortrag „Von der Lohgerberei zur Lederindustrie“ wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.
 
In prägnant kurzer aber durchaus informativer Form referierten anschließend Prof. Dr. Seifert über „Volkskunde und Industriekultur“ aufbauend auf den Erkenntnissen des Institutes für sächsische Geschichte und Volkskunde (www.isgv.de). Er rief dazu auf, die Alltagserfahrungen breiter Schichten der Bevölkerung in die Heimatforschung einfließen zu lassen. Anja Nixdorf-Munkwitz erläuterte in Ihrem Kurzreferat, mit welchen Schwierigkeiten heute beim „Engagement für Regionalentwicklung mit Ehrenamt und Kulturmanagement“ am Beispiel des Museums Kraftwerk Hirschfelde zu rechnen ist.
Wie sich „Wirtschaftsentwicklung und Verkehrswege“ auch in historischer Hinsicht ergänzen, belegte Dr. Bernd Hofmann am Beispiel der Verkehrswege zwischen Frauenstein und Duchov (Dux). Abschließend gab Uwe Zander vom Heimat- und Geschichtsverein Lichtenstein einen Einblick in der Geschichte des „Industrievereins für das Königreich Sachsen“ in der Zeit seines Bestehens zwischen 1828 und 1863. Dieser bildete auch die Grundlage für Industrieausstellungen, den Beitritt Sachsens zum Allgemeinen Zollverein und die Vorläufer der heutigen Technischen Universtäten im Freistaat Sachsen.
 
Aufgrund der vorangegangenen positiven Resonanzen wird es am 12.10.2013 auch einen 4. Sächsischen Heimattag geben. Das Thema wird rechtzeitig veröffentlicht.

2. Sächsischer Heimattag (Wilsdruff 2010)

1. Sächsische Heimattag (Dresden-Gompitz 2009)

Mitmachen

Über unsere interaktive Karte finden Sie unsere Orts- und Regionalgruppen in Ihrer Nähe. Hier können Sie sich einbringen.